Psychotherapie und Spiritualität

Spiritualität und Psychotherapie

Gestalttherapie und Familienstellen und ihre spirituellen Aspekte

Landläufig werden Spiritualität und Psychotherapie gern unterschieden. Für einige Therapien, die sich um hauptsächlich um die Behandlung von Krankheitssymptomen und Problemlösungen kümmern trifft dies meiner Meinung auch zu. Ich möchte hier aber für die beiden Therapieformen sprechen, die ich in meiner Praxis hauptsächlich verwende. Dies sind die Gestalttherapie und das Familienstellen, bzw. die systemische Therapie. Bei beiden Therapieformen spielt der spirituelle Aspekt eine große Rolle, vorausgesetzt, der Klient ist dafür offen.

Zuerst möchte ich aber darlegen, was ich unter Spiritualität verstehe.  Inzwischen verwende ich diesen Begriff gar nicht mehr so häufig, weil jeder etwas anderes darunter versteht.  Deshalb finde ich es wichtig, ihn hier ein bisschen zu definieren. Kurz gesagt liegt der spirituelle Bereich dort, wo wir die Rationalität und die duale Welt verlassen. Ich sage ganz bewusst „spiritueller Bereich“, weil für mich Spiritualität immer auch eine Erfahrung ist. Damit unterscheide ich diesen Bereich von dem, was man landläufig als Glauben bezeichnet. Egal, an was ich glaube, sei es Erleuchtung oder Gott – erst durch eine entsprechende Erfahrung (entweder eine Bewusstseinserfahrung oder eine sogenannte Gotteserfahrung) wird aus dem Glauben eine spirituelle Praxis.

Der spirituelle Erfahrungsbereich liegt für mich also da, wo unser (aus meiner Sicht begrenzter) rationaler Blick endet und Yin und Yang verschmilzt, bzw. aufgehoben wird. Dort wo wir uns nicht mehr an Gut und Böse oder der Unterscheidung von dem Einen und dem Anderen festhalten können.  Dort ist das pure Sein, ohne Bewertung, Vorgaben und Nützlichkeiten. Unser Bewusstsein ist dazu in der Lage uns in diesen Zustand zu versetzen. Und wir sind auch in der Lage diesen Zustand wahrzunehmen, aber nicht in der üblichen Weise. Denn genau zu dem Zeitpunkt, wenn ich versuche, dieses über alles hinaus Gehende mit meinem rationalen Geist zu erfassen, hole ich „Es“ in die duale Welt zurück. Und genau dann verliert sich die Spiritualität, denn sie existiert nur außerhalb der Dualität. Deshalb sind viele Texte, die sich damit beschäftigen immer auch etwas rätselhaft  verfasst, denn nur so kann ich mit der dualen Sprache diesen Bereich annähernd beschreiben.  Am Ende dieses Textes habe ich ein paar Beispiele solcher Texte angefügt.

Wie berührt man in der Psychotherapie jetzt diesen spirituellen Bereich? Vorab möchte ich sagen, dass ich inzwischen auch das Familienstellen gestalttherapeutisch angehe, weil mir die Vorgehensweise der Gestalttherapie so wichtig ist und ich sie auch für sehr effektiv erachte.

Die Gestalttherapie führt deshalb so oft in die Spiritualität, weil ich den Klienten von der Rationalität wegführe und die Wahrnehmung auf den Körper, die Gefühle und die spontanen Impulse dieser Bereiche richte. Damit das wirklich gut klappt muss ich mein duales rationales Denken (mit dem ich normalerweise meine mir bekannte Welt aufgebaut habe) loslassen. Und je mehr mir dieses Loslassen gelingt umso mehr kann ich den natürlichen Impulsen, die sich dann zeigen dürfen auch wieder einen Ausdruck geben. Plötzlich zeigt sich ein Zittern, wo vorher der verkrampfte Muskel war, oder Weinen, wo vorher nur unterdrückte Trauer war. Unser Ratio sagt dann natürlich: „Das darf nicht sein, du kannst doch nicht einfach hier so rumzittern usw.“ Es gibt aber eine natürliche Selbstheilungskraft in unserem Körper-Geist-Kontinuum (schöner Fachbegriff – organismische Selbstregulation), die wir oft genug mit unserer rationalen Herangehensweise unterdrücken.

Diese Selbstheilungskraft kann ich aber nicht kontrollieren, sondern ich muss mich ihr überlassen. Je mehr ich die rationale Kontrolle aufgebe und mich diesem natürlichen Fluss der Dinge überlasse, umso mehr werde ich eins mit meinen spontanen Gefühls- und Körperimpulsen. Und genau in diesen Momenten bin ich Eins mit meiner Natürlichkeit, mit meinem puren Sein, so wie es gerade ist. Es gibt keine Bewertungen mehr und keine Hemmnisse. Ich erfahre mich genau in diesem einzigartigen Augenblick GANZ und EINS. Und genau dann berühre ich den spirituellen Bereich. Und da das Hineinführen in diese spontanen Impulse und das Eins werden damit eine zentrale Methode der Gestalttherapie ist, behaupte ich, dass die Gestalttherapie eine spirituelle Therapie ist und Psychotherapie in dieser Weise zur Spiritualität führt. Denn oft genug erlebe ich, wenn sich die Gefühlsstürme gelegt haben, dass am Ende eines Prozesses diese stille Präsenz bleibt, die einfach nur da ist. Sie ist nicht fassbar und ich kann nichts mit ihr machen (im dualen Sinn). Ich kann mich ihr nur „überlassen“. Aber sie erfüllt mich und gibt mir auf eine Weise Kraft und innere Stärke, die ich persönlich noch nirgendwo sonst so intensiv erlebt habe. Und ich freue mich immer, wenn ich mit Klienten zusammen diesen Ort erreiche und sie auch von dieser süßen Frucht kosten dürfen.

 

Hier noch ein paar Texte aus Taoismus, Buddhismus und Christentum zu dem Thema:

Lao Tse – Tao Te King (Diogenes 1985 – zum besseren Verständnis leicht abgeändert. Er nennt das Unnennbare das Tao.)

 

Das Tao, von dem wir sprechen können, ist nicht das ewige Tao;

der Name, den wir nennen können, ist nicht der ewige Name.

Das Namenlose ist der Anfang von Himmel und Erde;

Das Namenstragende ist die Mutter der weltlichen Dinge.

Wer wunschlos ist, kann das Wunder des Tao‘s erkennen;

wer Wünsche hat, wird nur Scheinbares entdecken.

Diese beiden entspringen der gleichen Quelle, aber sie tragen verschiedene Namen.

In ihrer Einheit sind sie ein Geheimnis, ein unendliches Geheimnis –

das Tor aller Wunder.

 

Über Zen,  Daio Kokushi (aus die Flöte des Unendlichen, Willigis Jäger 2009, erster Absatz)

Es gibt eine Wirklichkeit, die vor Himmel und Erde steht.

Sie hat keine Form, geschweige denn einen Namen. Augen können sie nicht sehen.

Lautlos ist sie, nicht wahrnehmbar für Ohren.

Sie Geist oder Buddha zu nennen, entspricht nicht ihrer Natur, wie das Trugbild einer Blume wäre sie dann.

Nicht Geist oder Buddha ist sie; Vollkommen ruhig erleuchtet sie in wunderbarer Weise.

Nur dem klaren Auge ist sie wahrnehmbar. Das Dharma ist sie und wirklich jenseits von Form und Klang.

Das Tao ist sie, und Worte haben nichts mit ihr zu tun.

 

Du brauchst Gott… Meister Eckhart(aus die Flöte des Unendlichen, Willigis Jäger 2009,gekürzt)

Du brauchst Gott weder hier noch dort zu suchen; Er ist nicht ferner als vor der Tür des Herzens.

Da steht er und harrt und wartet, wen er bereitfinde, der ihm auftue und ihn einlasse.

Du brauchst ihn nicht von weit her herbeizurufen;

Er kann es weniger erwarten als du, dass du ihm auftust. Es ist ein Zeitpunkt: Das Auftun und das Eingehen.

Wo und wann dich Gott bereitfindet, so muss er wirken und sich in dich ergießen;

In gleicher Weise, wie wenn die Luft klar und rein ist, die Sonne sich ergießen muss und sich nicht zurückhalten kann.

Es ist ein Augenblick: das Bereitsein und das Eingießen.

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