Guru…Guru…Guru…

guruIch möchte euch heute zwei Filme vorstellen, die ich sehr gut finde und die sich mit genau dem Thema der Überschrift beschäftigen. Zu dem Thema möchte ich noch ein Kapitel aus meinem Buch „Eins werden Eins sein“ hinzufügen, da es sich genau mit dem Thema beschäftigt. Die beiden Filme heißen:

„David wants to fly“, den ich im Text unten näher beschreibe

und „Kumaré“, bei dem sich ein Filmemacher als Guru ausgibt und eine Anhängderschar um sich schart und den Schwindel zum Schluß auffliegen läßt.

Beide Filme sind neben den interessanten Enthüllungen und Sichtweisen auch sehr unterhaltsam und gut gemacht und ich kann sie nur empfehlen. Links zu den entsprechenden Seiten und Trailern findet ihr hier:

David wants to fly

Kumare 

Und hier nun der Text aus meinem Buch „Eins werden, Eins sein“, der sich genau mit dem thema beschäftigt. Zur Erklärung: Der Graue Markt ist alles, was jenseits von normalen Gesundheitssystem (weißer Markt) und Heilpraktikern (grüner Markt) sich mit Gesundheit im weitesten Sinn beschäftigt, also auch die Spiritualität und energetische Übungen.  Das Buch findet  ihr auf meiner Webseite. 

Führen und Folgen – das Gurutum

Ich möchte nun noch zu einem weiteren Faktor kommen, der Scharlatanerie begünstigt und den ich das Gurutum nenne. Das Gurutum findet sich aber nicht nur im grauen Markt, sondern zieht sich durch alle gesellschaftlichen Bereiche. Guru ist meines Wissens ein indischer Begriff. In Indien ist es ganz normal, einen Guru zu haben. Guru ist gleichbedeutend mit Meister. In seiner positiven Ausprägung ist ein Guru oder ein Meister ein Mensch, der seine Schüler auf einen meist spirituellen oder energetischen Weg führt und sie dabei lehrend begleitet. Er fördert und überwacht ihre innere Entwicklung. Er bietet Raum für ihre individuelle Fortentwicklung und präsentiert sich ihnen als Gegenüber, an dem sie wachsen, reifen und lernen können. Sein Bestreben ist es, seinen Schülern den größtmöglichen Lerneffekt zukommen zu lassen und sie durch die Täler, die bei einer inneren Entwicklung immer zu durchschreiten sind, sicher zu leiten. Deshalb muss man dem Guru auch in hohem Maße vertrauen, denn in bestimmten Phasen muss ich einfach loslassen, und dann ist jemand wichtig, der beurteilen kann, was ich verkrafte, und mich eventuell auffängt.

Der Guru selber ist ein langjährig erfahrener Meister seines Fachs, der sich sein Können durch meist jahrzehntelanges, täglich stundenlanges intensives Üben angeeignet hat. Meist wurde er von seinem eigenen Meister zur Weitergabe seines Wissens autorisiert. So weit zu der historischen Idealvorstellung, die man im fernen Osten wie inzwischen auch im nahen Westen finden kann und die in den Ländern Asiens eine entsprechende Kultur hervorgebracht hat. Aber selbst in diesem Kulturraum wurde auch schon in früheren Zeiten damit Schindluder getrieben. Tai Chi- Meister vermittelten nur ihren Söhnen die wirklich tragfähigen Techniken, während der normale Schüler nur Oberflächliches geboten bekam. Zen-Klöster richteten sich nach den Wünschen des größten Spenders, und nicht der Weg, sondern das Prestige gab die Richtung vor. Ein Meistertitel suggeriert uns, dass diejenige Person über den (oberflächlichen) Dingen des Lebens steht und wir ihr bedingungslos vertrauen können. Bei vielen Künsten des fernen Ostens ist der Meistertitel auch wirklich nur durch jahrzehntelange Übung und innere Disziplin zu erlangen. Durch diesen Übungsprozess durchläuft derjenige von Haus aus eine innere Entwicklung, die die Schülerschaft schon automatisch vor Missbrauch schützt.

Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen, aber in der Regel ist das doch eine sehr hohe Hürde, die nur der nehmen kann, der entsprechend Energie in die Kunst investiert. Dieses Schüler-Meister-Verhältnis ist immer ein besonderes, da sich der Schüler in die Hand des Meisters begibt. Auch ohne die idealisierte Anhimmelung des Gurus besteht also ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis, denn der Meister ist wie ein Bergführer, der den Schüler auf einen ihm unbekannten Weg führt. Der Schüler muss dem Meister so weit vertrauen, dass er ihm auf diesem unbekannten Weg folgt. Und genau hier steckt natürlich auch die Gefahr. Dieses Abhängigkeitsverhältnis kann nämlich sehr leicht ausgenutzt werden. Vor allem dann, wenn von Schülerseite eine Verklärung und Idealisierung des Meisters stattfindet. Der Schüler ist dann versucht, seine Träume auf den Meister zu projizieren, was die Abhängigkeit natürlich zusätzlich verstärkt.

Denn man muss sich immer wieder vor Augen halten, dass es Vollkommenheit an sich nicht gibt. Sie widerspricht der Ganzheit. Die wirkliche Vollkommenheit ist nur dann gegeben, wenn sie die Unvollkommenheit miteinschließt. Würde das Nicht- Perfekte unberücksichtigt bleiben, dann wäre Ganzheit nicht möglich, somit der Kreis nicht geschlossen und somit unvollkommen. Dieses Paradox veranschaulicht aber wieder sehr gut das Tao, welches sich im Meister ja verwirklichen sollte. Meister, die Vollkommenheit vorgaukeln, sind aus meiner Sicht keine Meister, sondern nur gute Verkäufer ihres Egos. Und Schüler, die diesen Meistern folgen, können ihre Traumwelt vom Vollkommenen aufrechterhalten. Gurus dieser Art bestätigen ihren Schülern auch gerne, wie weit sie auf ihrem Weg und wie spirituell fortentwickelt sie schon seien. Meister und Schüler leben in Symbiose und spinnen sich in eine Traumwelt ein, die ihnen Vollkommenheit und Reinheit vorspielt. Der Schüler bestätigt den Meister in seinem Vorgehen, und der Guru ermuntert den Schüler dazu, sein Guru-Weltbild zu verinnerlichen und den Meister als Ideal und Inbegriff dieses Weltbildes zu sehen. Dieser Vorgang ist meiner Meinung aber sehr weit entfernt von Ganzheit und auch vom Tao. Diese Projektion und dieses sich selbst erhaltende System nenne ich den Traumwelt-Effekt, zu dem ich später noch einmal kommen werde.

Heutzutage wird fast schon inflationär mit dem Meistertitel umgegangen. Nach einigen Kursen und ein bisschen Erfahrung ist man Reiki-Meister, Runen-Meister, Meditations-Meister usw. Und damit kommen wir zu einem anderen Thema, das damit verbunden ist: die Suggestion. Im grauen Markt treffen sich gerne, wenn man es überspitzt formulieren will, der Möchte-Gern-Meister und der Schüler, der ein Idol zum Anhimmeln sucht. Damit entsteht eine Beziehung, die den Meister zur wirklichkeitsfremden Überheblichkeit und den Schüler zum kritiklosen Nachahmen verleitet. Diese Beziehung kann für den Meister natürlich sehr lukrativ und für den Schüler persönlich und finanziell zerstörerisch sein. Ähnliches gilt übrigens auch für die Beziehung zwischen Heiler und Patient, wie wir im Beispiel mit der Großmutter gesehen haben. Aufschlussreich ist diesbezüglich auch der Film „David wants to fly“ von David Sieveking (2010), der genau diese Problematik aufgreift. Ursprünglich als Film über die transzendale Meditation und ihre positiven Auswirkungen geplant, stieß der Regisseur während des Drehens auf immer mehr Ungereimtheiten. So fragte er weiter und weitete seine Nachforschungen aus. Es kam heraus, dass der Begründer, Maharishi Mahesh Yogi, seinen Mythos auf einem Schwindel aufbaute. Maharishi war gar kein autorisierter Guru, sondern nur der Buchhalter seines Meisters. Am Ende des Films bewahrheiteten sich all die Lügen, die man Sekten gemeinhin nachsagt. Von emotionalem Missbrauch über die finanzielle Ausbeutung bis hin zu Scheinprojekten, für die Spenden gesammelt wurden.

Aber auch hier will ich die Sache natürlich ganzheitlich sehen und noch einmal betonen, dass man für eine derartige Beziehung immer zwei benötigt. Den die Gunst nutzende Meister und den kritiklosen Schüler. Es muss nicht immer zu derartig extremen Ausprägungen des Abhängigkeitsverhältnisses kommen, auch hier gibt es alle möglichen Abstufungen und Varianten. Dieses Gurutum findet sich auch nicht nur im grauen Markt. Ich kenne es ebenso aus dem psychologischen Umfeld. Wenn ich mir ansehe, was im Internet über Virginia Satir geschrieben wird, dann kommt sie mir schnell wie ein überirdisches Wesen vor. Sie war ganz bestimmt eine außergewöhnliche Frau, die die systemische Therapie weit vorangebracht hat, aber diese Überhöhung trifft genau das Wesen des Gurutums, das ich meine.

Viele psychologische Schulen neigen dazu, ihre Gründer zu idealisieren. Auf einigen psychologischen Fortbildungen beobachtete ich ebenfalls ein interessantes Phänomen. Es zeigte sich besonders dann, wenn wir Partnerübungen machten. Manchmal machte ich dann einen für mein Gegenüber überraschenden Vorschlag, der vielleicht auch etwas unkonventionell war. Der Partner reagierte meist etwas verhalten, wollte die vorgegebene Übung durchführen und sich nicht auf meine Idee einlassen. Wenn dann der Kursleiter kam und wir den Sachverhalt besprachen, fand der Leiter meine Anregungen oft gut und wie durch ein Wunder schloss sich mein Übungspartner dieser Meinung plötzlich an. Es bedurfte sozusagen der „Erlaubnis“ des Meisters, um etwas Neues auszuprobieren. Viele Teilnehmer sprachen die Idee auch ganz dem Kursleiter zu und erinnerten sich nicht mehr an den ursprünglichen Urheber.

In der Neigung zum Gurutum zeigt sich eindeutig das Familienbewusstsein. Wir wünschen uns im Leben Mentoren, die für uns die idealen Eltern darstellen sollen. Auf sie projizieren wir all die Wünsche, die wir selbst nicht erfüllt bekommen haben, und all die Ideale, die wir selbst nicht erfüllen können. Damit wir diese Träume weiterhin träumen können, wird der Guru, Meister, Lehrer, Therapeut oder Heiler dafür instrumentalisiert. Um diese positive Illusion weiter aufrechterhalten zu können wird, wie beim Familienbewusstsein üblich, mein Individuum ausgeblendet und verbogen. Vorschriften, die mir widersprechen, können dabei vom Meister oder auch von mir selbst ausgehen. Nach meiner eigenen Erfahrung sind nämlich sehr viele Leute auf der Suche nach so einem Guru.

Mir ist es selbst auch schon passiert und es passiert mir immer wieder, dass ich als Projektionsfläche für derartige Wunschvorstellungen diene. Ich versuche dann, wie es ein anderer Tai Chi-Lehrer ausgedrückt hat, meine Schüler „freundlich zu erschüttern“, indem ich mich gezielt in meiner Unvollkommenheit zeige und die Individualität meiner Teilnehmer fördere. So versuche ich immer, den eigenen Weg desjenigen zu unterstützen, auch wenn er dann nicht länger meine Meinung teilt. Es geht eben nicht darum, ein Dogma zu schaffen und möglichst viele Jünger um sich zu scharen, sondern die Grundlage zu legen, damit der Schüler seinen eigenen Weg finden und gehen kann. Bei dem Zen-Meister Willigis Jäger, zu dessen Schule ich mich derzeit zähle, entdecke ich öfter das gleiche Phänomen. Er zählt für mich zu den Meistern im besten Sinne und erfüllt die klassischen Anforderungen, so wie ich sie beschrieben habe. In den Einzelgesprächen und auch Vorträgen gibt er sich bewusst „normal“ und weist immer wieder auf sein „gewöhnliches“ Menschsein hin. Dennoch entdecke ich nicht selten Schüler, die ihn, ich kann es nicht anders sagen, einfach anhimmeln und überhöhen. Natürlich entsteht daraus keine destruktive Abhängigkeitsbeziehung, weil ja vom Meister andere Signale ausgehen. Würden diese Schüler aber auf jemanden anderen treffen, wäre das Desaster vorprogrammiert. Wie gesagt, es sind immer zwei Parteien nötig, um diese ungute Symbiose zu verwirklichen. Glück haben diejenigen Schüler, die auf einen verständigen Lehrer treffen, der ihnen einen eigenständigen Weg vermitteln will.

Hier noch mal der Link zu meinem Buch.

Mit lieben Grüßen

Klaus

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